Im Westen nichts Neues
Im Westen nichts Neues ist der mit Abstand
bekannteste und einflußreichste aller Romane Remarques. Direkt nach seinem
Erscheinen bei Ullstein im Jahre 1928 wurde er zu einem Massenerfolg, wie ihn
das deutsche Verlagswesen noch nicht gesehen hatte. Zugleich wurde er aber auch
das Ziel heftigster Angriffe der Rechten und insbesondere der
Nationalsozialisten, die zu der Verbrennung von Remarques Büchern im Mai 1933
und zu seiner Ausbürgerung 1938 führen sollten.
Die Handlung dreht sich um die
Erlebnisse des jungen Soldaten Bäumer, der sich unter dem Einfluß seines
Klassenlehrers im Ersten Weltkrieg direkt von der Schulbank an die Front
meldet. Er erlebt den Tod aller seiner Freunde und den Zusammenbruch seiner
jugendlichen Welt in den unvorstellbaren Grauen des Schützengrabens. 1930 wurde
der Roman von Lewis Milestone, der auch bei Arc de Triomphe Regie führen sollte,
verfilmt. Der Film Im
Westen nichts Neues wurde zu dem Klassiker unter den
Antikriegsfilmen. Hier ist das Umschlagbild des Romans in der
Ullstein-Originalausgabe abgebildet.
[...] Endlich ist der Augenblick da. Wir stehen stramm,
und der Kaiser erscheint. Wir sind neugierig, wie er aussehen mag. Er schreitet
die Front entlang, und ich bin eigentlich etwas enttäuscht: nach den Bildern
hatte ich ihn mir größer und mächtiger vorgestellt, vor allen Dingen mit einer
donnernden Stimme.
Er verteilt Eiserne Kreuze und spricht diesen und jenen an.
Dann ziehen wir ab.
Nachher unterhalten wir uns. Tjaden sagt staunend: "Das
ist nun der Alleroberste, den es gibt. Davor muß dann doch jeder strammstehen,
jeder überhaupt!" Er überlegt: "Davor muß doch auch Hindenburg
strammstehen, was?"
"Jawoll", bestätigt Kat.
Tjaden ist noch nicht fertig. Er denkt eine Zeitlang nach
und fragt: "Muß ein König vor einem Kaiser auch strammstehen?"
Keiner weiß das genau, aber wir glauben es nicht. Die sind
beide schon so hoch, daß es da sicher kein richtiges Stammstehen mehr gibt.
"Was du dir für einen Quatsch ausbrütest", sagt
Kat. "Die Hauptsache ist, daß du selber strammstehst."
Aber Tjaden ist völlig fasziniert. Seine sehr trockene
Phantasie arbeitet sich Blasen.
"Sieh mal", verkündet er, "ich kann einfach
nicht begreifen, daß ein Kaiser auch genauso zur Latrine muß wie ich."
"Darauf kannst du Gift nehmen", lacht Kropp.
"Verrückt und drei sind sieben", ergänzt Kat,
"du hast Läuse im Schädel, Tjaden, geh du nur selber rasch los zur
Latrine, damit du einen klaren Kopp kriegst und nicht wie ein Wickelkind
redest."
Tjaden verschwindet.
"Eins möchte ich aber doch noch wissen", sagt
Albert, "ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt
hätte."
"Das glaube ich sicher", werfe ich ein, - "er
soll ja sowieso erst gar nicht gewllt haben."
Na, wenn er allein nicht, dann vielleicht doch, wenn so zwanzig,
dreißig Leute in der Welt nein gesagt hätten."
"Das wohl", gebe ich zu, "Aber die haben ja
gerade gewollt."
"Es ist komisch, wenn man sich das überlegt",
fährt Kropp fort, "wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen.
Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat
nun recht?"
"Vielleicht beide", sage ich, ohne es zu glauben.
"Ja, nun", meint Albert, und ich sehe ihm an, daß
er mich in die Enge treiben will, "aber unsere Professoren und Pastöre und
Zeitungen sagen, nur wir hätten recht, und das wird ja hoffentlich auch so
sein; - aber die französischen Professoren und Pastöre und Zeitungen behaupten,
nur sie hätten recht, wie steht es denn damit?"
"Das weiß ich nicht", sage ich, "auf jeden
Fall ist Krieg, und jeden Monat kommen mehr Länder dazu."
Tjaden erscheint wieder. Er ist noch immer angeregt und
greift sofort wieder in das Gespräch ein, indem er sich erkundigt, wie
eigentlich ein Krieg entstehe.
"Meistens so, daß ein Land ein anderes schwer
beleidigt", gibt Albert mit einer gewissen Überlegenheit zur Antwort.
Doch Tjaden stellt sich dickfellig. "Ein Land? Das
verstehe ich nicht. Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg in Frankreich
nicht beleidigen. Oder ein Fluß oder ein Wald oder ein Weizenfeld."
"Bist du so dämlich oder tust du nur so? knurrt Kropp.
"So meine ich das doch nicht. Ein Volk beleidigt das andere -"
"Dann habe ich hier nichts zu suchen", erwidert
Tjaden, "ich fühle mich nicht beleidigt."
"Dir soll man nun was erklären", sagt Albert
ärgerlich, "auf dich Dorfdeubel kommt es doch dabei nicht an."
"Dann kann ich ja erst recht nach Hause gehen",
beharrt Tjaden, und alles lacht.
"Ach, Mensch, es ist doch das Volk als Gesamtheit, also
der Staat -", ruft Müller.
"Staat, Staat" - Tjaden schnippt schlau mit den
Fingern -,
"Feldgendarmen, Polizei, Steuer, das ist euer Staat.
wenn du damit zu tun hast, danke schön."
"Das stimmt", sagt Kat, "da hast du zum
ersten Mal etwas Richtiges gesagt, Tjaden, Staat und Heimat, da ist wahrhaftig
ein Unterschied."
"Aber sie gehören doch zusammen", überlegt Kropp,
"eine Heimat ohne Staat gibt es nicht."
"Richtig, aber bedenk doch mal, daß wir fast alle
einfache Leute sind. Und in Frankreich sind die meisten Menschen doch auch
Arbeiter, Handwerker oder kleine Beamte. Weshalb soll nun wohl ein
französischer Schlosser oder Schuhmacher uns angreifen wollen? Nein, das sind
nur die Regierungen. Ich habe nie einen Franzosen gesehen, bevor ich
hierherkam, und den meisten Franzosen wird es ähnlich mit uns gehen. Die sind
ebensowenig gefragt wie wir."
"Weshalb ist dann überhaupt Kreig?" fragt Tjaden.
Kat zuckt die Achseln. "Es muß Leute geben, denen der
Krieg nützt."
"Na, ich gehöre nicht dazu", grinst Tjaden.
"Du nicht, und keiner hier."
"Wer denn nur?" beharrt Tjaden. "Dem Kaiser
nützt er doch auch nicht. Der hat doch alles, was er braucht."
"Das sag nicht", entgegenet Kat, "einen Krieg
hat er bis jetzt noch nicht gehabt. Und jeder größere Kaiser braucht mindestens
einen Krieg, sonst wird er nicht berühmt. Sieh mal in deinen Schulbüchern
nach."
"Generäle werden auch berühmt durch den Krieg",
sagt Detering.
"Noch berühmter als Kaiser", bestätigt Kat.
"Sicher stecken andere Leute, die am Krieg verdienen
wollen dahinter", brummt Detering.
"Ich glaube, es ist mehr eine Art Fieber", sagt
Albert. "Keiner will es eigentlich, und mit einem Male ist es da. Wir
haben den Krieg nicht gewollt, die andern behaupten dasselbe - und trotzdem ist
die halbe Welt fest dabei."
"Drübern wird aber mehr gelogen als bei uns",
erwidere ich, "Denkt mal an die Flugblätter der Gefangenen, in denen
stand, daß wir belgische Kinder fräßen. Die Kerle, die so was schreiben,
sollten sie aufhängen. Das sind die wahren Schuldigen."
Müller steht auf. "Besser auf jeden Fall, der Krieg ist
hier als in Deutschland. Seht euch mal die Trichterfelder an!"
"Das stimmt", pflichtet selbst Tjaden bei,
"aber noch besser ist gar kein Krieg."
Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjährigen nun mal
gegeben. Und seine Meinung ist tatsächlich typisch hier, man begegnet ihr immer
wieder und kann auch nichts Rechtes darauf entgegnen, weil mit ihr gleichzeitig
das Verständnis für andere Zusammenhänge aufhört. Das Nationalgefühlt des
Muskoten besteht darin, daß er hier ist. Aber damit ist es auch schon zu Ende,
alles andere beurteilt er praktisch und aus seiner Einstellung heraus.
Albert legt sich ärgerlich ins Gras. "Besser ist, über
den ganzen Kram nicht zu reden."
"Wird ja auch nicht anders dadurch", bestätigt
Kat.
(aus:
Erich Maria Remarque. Im Westen nichts Neues. Mit Materialien und einem
Nachwort von Tilman Westphalen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1998, 138-142)
Paul Bäumer gehört zu einer Gruppe von Soldaten an der
Westfront im Ersten Weltkrieg. In der Ruhestellung hinter der Front erinnert er
sich zurück an seine Schulzeit. Die patriotischen Reden seines Lehrers Kantorek
hatten die ganze Klasse überzeugt, sich freiwillig zu melden.
Unter
dem Drill ihres Ausbilders Unteroffizier Himmelstoß mußten sie bereits in der
Grundausbildung lernen, daß alle ihnen bislang in der Schule vermittelten Werte
auf dem Kasernenhof ihre Gültigkeit verlieren.
Sie
wurden an die Westfront verlegt, wo sie von einer Gruppe alter Frontsoldaten um
den erfahrenen Katczinsky in die Gefahren an der Front eingewiesen wurden.
Zwischen "Kat" und Bäumer hat sich ein Vater-Sohn ähnliches Verhältnis
entwickelt. Paul lernt, zu überleben, die verschiedenen Geschosse schon am
Klang zu unterscheiden, auch unter widrigsten Bedingungen etwas zu essen zu
finden, und sich gegen den wirklichen Feind zu wehren - den Tod.
Bei
einem kurzen Heimataufenthalt stellt Bäumer fest, wie sehr ihn die Erlebnisse
an der Front verändert haben. Es ist ihm unmöglich, seiner Familie die
grausamen Erfahrungen aus dem Schützengraben mitzuteilen. Enttäuscht kehrt er
zurück zu den Menschen, die ihm nun am nächsten sind, seinen Kameraden an der
Front.
Bei
einem Angriff wird er durch Splitter verwundet und verbringt ein paar Wochen im
Lazarett. In den nächsten Monaten zurück an der Front zerfällt Bäumers Gruppe.
Einer nach dem anderen stirbt durch die Gas- und Granatenangriffe, im
Trommelfeuer oder im Kampf Mann gegen Mann. Bis zuletzt auch er, nachdem er
Verwundung und Wochen im Lazarett überlebt hat, als letzter seiner Gruppe kurz
vor Ende des Krieges tödlich getroffen wird, "an einem Tag, der so ruhig
und so still war, daß der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im
Westen sei nichts Neues zu melden."
Bereits Ende 1917 plante Erich Maria Remarque einen Roman
über seine Kriegserlebnisse. Aus dem Duisburger St. Vinzenz-Hospital, in das er
nach seiner Verwundung durch Granatsplitter am 31. Juli 1917, dem ersten Tag
der 2. Somme-Schlacht, eingeliefert worden war, bat er seinen an der Front
verbliebenen Schul- und Kriegskameraden Georg Middendorf um Nachrichten von den
Frontereignissen, um sie in seinem geplanten „Roman“ zu verwenden. Aus dieser
Zeit bis in die Mitte der 20er Jahre könnten die wenigen Manuskriptseiten erhalten geblieben sein, die
eine Episode aus dem Krieg darstellen und in der für den „frühen“ Remarque
typischen, deutlich lesbaren Tintenhandschrift geschrieben wurden. Aus bis
heute unbekannten Gründen verfolgte Remarque seinen Plan, einen Kriegsroman zu
verfassen, in den folgenden Jahren nicht mehr. Es kann nur vermutet werden, daß
der Tod seines Osnabrücker geistigen Mentors und Freundes, Friedrich
Hörstemeier, im September 1918 ihn dazu bewog, sich von nun an dessen Themen
anzunehmen, wie Remarques erster Roman, Die Traumbude (1920), zeigt. Erst im
Herbst 1927 erfolgte die Rückkehr zum Kriegsthema. Die Informationen zum Anlaß,
zum Zeitpunkt der Entstehung und zur Dauer der Niederschrift von Im Westen
nichts Neues sind äußerst widersprüchlich. Nach dem Erfolg des Buches ab
1928 äußerten sich zahlreiche Personen, darunter der Autor selbst, mit
verschiedenen Versionen zur Entstehung des Textes. Die Legende um die
Entstehung des Textes entstand: Im Westen nichts Neues sei im Herbst
1927 oder Anfang 1928 abends nach Büroschluß (Remarque arbeitete seit 1925 als
verantwortlicher Redakteur für die Berliner Illustrierte Sport im Bild)
innerhalb von nur sechs Wochen ohne Korrekturen entstanden. Der polnische
Journalist und Übersetzer von Im Westen nichts Neues ins Polnische, Stefan
Napierski, berichtete in einem Artikel über den Autor und sein Buch gar von
einem Manuskript ohne jegliche Korrekturen, das Remarque ihm bei einem Besuch
gezeigt habe. Das jetzt bekannt gewordene Manuskript von Im Westen nichts
Neues verdeutlicht und dokumentiert jedoch eine ganz andere
Entstehungsgeschichte, die auch von den anderen Materialien, die zu Im
Westen nichts Neues erhalten geblieben sind, bestätigt wird. Danach plante
Remarque zunächst eine chronologische Darstellung der Kriegserlebnisse von Paul
Bäumer, die starke autobiographische Züge tragen sollte. Erst im weiteren
Verlauf der Entstehung änderte der Autor die Konzeption seines Textes in die
heute bekannte Form, die Rückblenden enthält und nur noch wenige
autobiographische Momente aufweist, die in die fiktionale Handlung integriert
worden sind. Ein im Nachlaß des Autors erhalten gebliebener Plan verdeutlicht
zudem, daß sich der Autor sehr bewußt mit der Konzeption seines Textes
auseinandergesetzt hatte, bis hin zu Überlegungen, wie lang ein Kapitel oder
Textabschnitt sein durfte, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Remarques
literarische Zielsetzung lief jetzt, zum Jahreswechsel 1927/28, auf die
Konzeption einer Trilogie hinaus, deren erster Teil, Im Westen nichts Neues,
die Kriegserlebnisse der „verlorenen Generation“ Paul Bäumers darstellen und
damit die Grundlagen für die späteren Schwierigkeiten dieser Generation in der
Nachkriegszeit verdeutlichen sollte. Der zweite und dritte Teil der Trilogie
sollten die unmittelbare Nachkriegszeit umfassen, die Schwierigkeiten der noch
jungen Soldaten, sich in der zivilen Gesellschaft zurechtzufinden und sich zu
integrieren. Remarque verwirklichte diese Konzeption schließlich in dem Roman
Der Weg zurück, den Remarque noch vor der Publikation von Im Westen nichts
Neues begann und der im Dezember 1930 erstmals als Vorabdruck in der
Vossischen Zeitung erschien. Die Entstehung von Im Westen nichts Neues
war im Frühjahr 1928 abgeschlossen. Remarque hatte eine Sekretärin beschäftigt,
um sein stark korrigiertes Manuskript abzuschreiben. Mit diesem Typoskript von Im
Westen nichts Neues wandte er sich an die Verleger.
Zunächst bot Remarque Im Westen nichts Neues dem
renommiertesten Verleger für Literatur in der Weimarer Republik, Samuel Fischer,
an. Fischer erkannte zwar die literarische Qualität des Textes, lehnte ihn
jedoch mit der Begründung ab, gegenwärtig - im Frühjahr 1928 - wolle niemand
mehr etwas über den I. Weltkrieg lesen. Wie Fischer später selbst zugab, eine
der schwerwiegendsten Fehlentscheidungen seiner Verlegerkarriere. Über einen
Freund Remarques gelangte das Typoskript in das Haus Ullstein, wo der Text auf
Empfehlung von leitenden Mitarbeitern des Konzerns schließlich angenommen
wurde. Am 29. August 1928 erfolgte die Vertragsunterzeichnung. Aber auch
Ullstein war sich des Erfolges von Kriegsliteratur und insbesondere der
vorliegenden Textfassung von Im Westen nichts Neues nicht sicher. Der
Vertrag mit Remarque enthielt eine Klausel, nach der der Autor im Falle des
Mißerfolges den vereinbarten und gezahlten Vorschuß als Journalist für die
Ullstein-Blätter abzuarbeiten hatte. Ullstein sicherte sich nach allen Seiten
ab. Er gab hektographierte Exemplare des Textes zur Begutachtung an Mitarbeiter
des Hauses, die selbst ehemalige Kriegsteilnehmer waren. Aufgrund dieser zwar
im Tenor positiven, im Detail jedoch kritischen Gutachten wurde Remarque noch
im August oder September 1928 aufgefordert, seinen Text grundlegend zu
überarbeiten, vor allem im Hinblick auf eine Entschärfung der kriegskritischen
Aussagen, die diese frühe Fassung des Romans noch enthält. Das im New Yorker
Nachlaß des Autors verwahrte Typoskript mit handschriftlichen Korrekturen gibt
ein eindrucksvolles Zeugnis von dieser Arbeit. Jetzt, im Herbst 1928, entstand
die endgültige Fassung von Im Westen nichts Neues. Am 8. November 1928,
einen Tag vor dem zehnten Jahrestag des Waffenstillstandes und am 14. Jahrestag
des von Legenden umwobenen Angriffs von Langemarck, veröffentlichte die
Vossische Zeitung, die zum Ullstein-Konzern gehörte, eine Ankündigung des
Vorabdrucks von Im Westen nichts Neues. Remarque wird hier als einfacher
Soldat geschildert, ohne jegliche literarische Erfahrung, der seine eigenen
Kriegserfahrungen niedergeschrieben habe, um sich vom Trauma des Kriegserlebnisses
zu befreien. Die Vossische Zeitung fühle sich „verpflichtet“, diesen
„authentischen“, tendenzlosen und damit „wahren“ dokumentarischen Bericht (von
Roman ist nicht mehr die Rede) über den Krieg zu veröffentlichen. Die Legende
um die Entstehung des Textes war geboren.
Am 10. November 1928 begann der Vorabdruck in der
Vossischen Zeitung. Fünf Tage später wurde Remarque fristlos bei Sport im Bild
gekündigt. Doch der Erfolg übertraf selbst die kühnsten Erwartungen des
Ullstein-Konzerns. Die Vossische Zeitung steigerte ihre Auflage und kam aus den
roten Zahlen, Tausende Leserbriefe erreichten die Zeitung und dokumentierten,
daß Remarque mit seinem Text ein Bedürfnis des Publikums befriedigt hatte: das
nach einer ungeschminkten Darstellung des Krieges. Der Ullstein-Konzern
startete eine im deutschen Buchhandel bis dahin noch nicht gesehene
Marketingkampagne für die Buchausgabe. Selbst an Berliner Litfaßsäulen wurde
mit wöchentlich wechselnden Plakaten auf das Erscheinen der Buchausgabe
hingewiesen. Als das Buch am 29. Januar 1929 endlich herauskam, lagen bereits
30.000 Vorbestellungen des Buchhandels vor. In sämtlichen Blättern des
Ullstein-Konzerns erschienen pünktlich zur Auslieferung der Buchausgabe
ausnahmslos positive Rezensionen. Die Nachfrage war ungeheuer, Ullstein
beschäftigte bis zu sechs Druckereien und mehrere Bindereien gleichzeitig, um
ihr nachzukommen.
Im
Westen nichts Neues war der bis dahin größte Bucherfolg in der
Geschichte der deutschen Literatur. Das 500. Tausend wurde bereits am 7. Mai
1929 ausgeliefert, das 750. Tausend am 3. August 1929, und die Million
schließlich im Juni 1930. Anläßlich dieses Jubiläums druckte der
Ullstein-Konzern 1.000 Exemplare des Buches in Blindenschrift in einer
zweibändigen, voluminösen Ausgabe und verteilte sie kostenlos an Kriegsblinde.
Auch zuvor schon hatte der Konzern sein Marketingkonzept weiter fortgesetzt. Er
publizierte zahlreiche Werbebroschüren, schaltete Anzeigen und nutzte die
mittlerweile äußerst kontroverse Diskussion um den Text zu Werbezwecken. Ende
1930 war der Ullstein-Konzern schließlich davon überzeugt, daß nunmehr jeder
Deutsche, der potentiell als Leser von Im Westen nichts Neues in frage
gekommen wäre, das Buch auch gekauft oder gelesen hatte.
Dieser überwältigende Erfolg von Im Westen nichts
Neues provozierte Widerspruch. Hatten zunächst noch Rezensenten aller
politischen Richtungen den Vorabdruck positiv besprochen, so entwickelte sich
mit den steigenden Auflagenzahlen eine kontrovers geführte Diskussion sowohl um
den Text als auch um die Person des Autors Remarque. Die politische Rechte sah,
im Gegensatz zu den Demokraten, zunehmend in Im Westen nichts Neues
einen Versuch, das Andenken des deutschen Frontsoldaten zu „beschmutzen“. Die
politische Linke wertete nach anfänglicher Zustimmung Im Westen nichts Neues
mehr und mehr als „pazifistische Kriegspropaganda“ und eine Darstellung des
Krieges als Abenteuer, ohne daß die gesellschaftlichen Ursachen des Krieges im
Buch geschildert würden. Doch die heftig geführte Diskussion beeinträchtigte
den Erfolg nicht, sondern führte vielmehr zu einer weiteren Steigerung der
Verkaufszahlen. Nun stand der Autor selbst im Zentrum der Kritik: man warf
Remarque vor, die in Im Westen nichts Neues geschilderten Ereignisse gar
nicht selbst erlebt zu haben, man bezichtigte ihn, sein eigentlicher
Geburtsname sei „Kramer“ (eine Behauptung, die durch die Publikation der
Geburtsurkunde noch im Sommer 1929 widerlegt und selbst vom Völkischen
Beobachter für kontraproduktiv im „Kampf gegen Remarque“ erklärt wurde), er
habe das Manuskript einem toten Kameraden im Felde gestohlen, und ähnliche
Unsinnigkeiten. Remarque hielt sich aus verständlichen Gründen aus dieser
Diskussion heraus. Auch in den zahlreichen Interviews vermied er jede
Stellungnahme zu diesen Diffamierungen, betonte jedoch, daß er sein Buch ganz
unpolitisch und im Sinne des Mottos gemeint habe: über eine Generation zu
berichten, die „vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten
entkam.“ Im Dezember 1930, als die Diskussion um das Buch bereits beendet war,
kam die amerikanische Verfilmung durch Lewis Milestone in die Berliner Kinos.
Für Joseph Goebbels, damals noch „Gauleiter“ von Berlin, ein willkommener
Anlaß, die Standfestigkeit der Weimarer Demokratie zu prüfen. Seine SA-Truppen
störten die Aufführungen im Kino am Nollendorfplatz mit Stinkbomben und weißen
Mäusen und pöbelten Besucher der Vorstellungen auf offener Straße an. Obwohl
der Film bereits alle Zensurhürden genommen hatte und die Universal Pictures
eigens eine „deutsche“ Schnittfassung erstellt hatten, wurde Im Westen
nichts Neues nach einer Reichstagsdebatte und Änderung des
Reichslichtspielgesetzes wegen „Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland“
(!) verboten und später nur mit strengen Auflagen wieder freigegeben. Die
Demokratie hatte trotz der Proteste der demokratischen Intellektuellen, an
denen jetzt auch Remarque teilnahm, eine Niederlage erlitten, während die
Nationalsozialisten und Goebbels ihren ersten großen, publikumswirksamen Sieg
gegen die Weimarer Republik errungen hatten - der erste Schritt zur
„Machtergreifung“.
Noch im Jahr der Erstausgabe 1929 erschienen
Übersetzungen von Im Westen nichts Neues in 26 Sprachen. Heute liegen
Ausgaben in 50 Sprachen vor, die geschätzte Auflage des Buches weltweit dürfte
bei 15 bis 20 Millionen Exemplaren liegen. Und Im Westen nichts Neues
gilt heute weltweit als das Antikriegsbuch des 20. Jahrhundert, von einem
Deutschen geschrieben. Der Titel ist synonym geworden für die Sinnlosigkeit des
Krieges und für das sinnlose Sterben des einzelnen, „kleinen“ Mannes in
Konflikten, von denen andere profitieren.