Der Feind
Die Straße erstreckt sich weiß vor uns und steigt
langsam an. Hinter den Wolken kommt der Mond rot und traurig heraus. Allmählich
wird er kleiner und heller, bis er silbern auf den amerikanischen Friedhof vor
Romagne scheint. Vierzehntausend Kreuze schimmern in dem fahlen Licht.
Vierzehntausend Kreuze in Reihen hintereinander – die Augen brennen einem, so
verblüffend gerade sind sie, vertikal, diagonal. Unter jedem ein Grab. Auf
jedem eine Inschrift: Herbert C. Williams, 1. Leutnant, Chemische
Kriegsführung, Connecticut, 13. Sept.
1918 – Albert Peterson, 137. Inf., 35. Div., North Dakota, 28. Sept.
1918 – vierzehntausend – fünfundzwanzigtausend waren es. Getötet bei dem
Angriff auf Montfaucon, getötet ein paar Wochen vor dem Frieden. Nur ein
Friedhof für so viele. Überall, an Hunderten von Orten, liegen die anderen, die
weißen Holzkreuze der Franzosen, die schwarzen der Deutschen.
Mitten unter den vierzehntausend Kreuzen auf dem breiten Hauptweg geht,
entfernt und klein, ein einzelner Mann hin und her, hin und her. Das ist
bedrückender, als wäre alles still. Karl drängt weiter.
In den Städten spielen Kinder auf den Plätzen. Um sie herum sind Geschäfte,
Häuser, Kirchhöfe, Zeitungen, Lärm, Schreie, Straßen, die WeltM; aber sie
spielen weiter, in ihre schlichten Spiele versunken, spielen wie überall auf
der Welt.
"Kinder", sagt Karl, und in der Dunkelheit sieht man nicht, was mit
ihm los ist, "Kinder sind überall gleich, nicht wahr – Kinder wissen noch
von nichts –"
Und während ich noch darüber nachdenke und einen Blick auf ihn werfe, dreht er
sich zu mir um: "Jetzt mal los, Mann – was stehen wir hier rum?" und
dreht den Kopf um und schaut den ganzen Rest der Reise angespannt aus dem
Fenster.
Remarques sechs Kriegserzählungen, die in den Jahren
1930 und 1931 in dem US-amerikanischen Magazin Collier’s Weekly
veröffentlicht wurden, schildern den Ersten Weltkrieg aus der
Nachkriegsperspektive. Nicht die eigentlichen Kampfhandlungen und
Kriegsgeschehnisse stehen im Vordergrund der Erzählungen, sondern die
Kriegsfolgen, die Schäden und Verwüstungen, die der Krieg der Landschaft (in Schweigen
um Verdun) und vor allem den Menschen sowohl an der Front als auch in der
Heimat zugefügt hat. Remarque setzte mit den Erzählungen die Intention von Im Westen nichts Neues
fort, das der Autor selbst „eher als ein Nachkriegsbuch“ ansah denn als
ein Kriegsbuch.
Remarque schrieb Im Westen nichts Neues und Der Weg zurück wie auch diese Erzählungen
Ende der 20er Jahre im Sinne einer Gegen-Erinnerung zur
marktbeherrschenden, kriegsbejahenden Schilderung des Krieges aus der
Perspektive der Offiziere und Nationalisten; einer Gegen-Erinnerung aus der
Perspektive der „Generation, die durch den Krieg zerstört wurde, auch wenn sie
seinen Granaten entkam“ . Remarque wollte kein „Kriegsbuch“ schreiben, als
welches Im Westen nichts Neues heute noch gilt, sondern sich auf den
„rein menschlichen Aspekt der Kriegserfahrung“ beschränken.
Bis zur Veröffentlichung von Im Westen nichts Neues 1928 war Remarque
vor allem ein Autor von Kurzprosa
und Lyrik, die er in Zeitschriften und Zeitungen publizierte. Seit
diesem Roman und dem unmittelbar nach dem Vorabdruck in der Vossischen
Zeitung im November und Dezember 1928 einsetzenden Erfolg wurden von
Remarque mit wenigen Ausnahmen jedoch keine kurzen Texte mehr veröffentlicht.
In mehreren Interviews und privaten Äußerungen betonte Remarque in der
Folgezeit, er wolle den überragenden Verkaufserfolg von Im Westen nichts Neues
nicht kommerziell durch weitere schnell gefertigte Veröffentlichungen
„ausschlachten“. Remarque hatte es wohl auch finanziell nicht mehr nötig, sein
Einkommen durch weitere Publikationen aufzubessern. Die Publikation der
Kriegserzählungen im amerikanischen Magazin Collier’s Weekly ist somit
zwar eine Fortsetzung der schriftstellerischen Tätigkeit Remarques aus der Zeit
vor Im Westen nichts Neues, nach den erhaltenen Unterlagen jedoch allein
auf die vertragliche Situation zu dem Folgeroman Der Weg zurück (1930
publiziert) zurückzuführen.
Die sechs Kriegserzählungen gerieten nach ihrer Publikation in Collier’s
jedoch in Vergessenheit. Ein Nachdruck oder eine deutsche Publikation sind bis
heute nicht bekannt. Ebenso fehlen Leserreaktionen oder Kritiken. Auch die
Literaturwissenschaft hat mit Ausnahme einer bibliographischen Erwähnung
die vermutlich zu versteckt veröffentlichten Erzählungen nicht zur Kenntnis
genommen. Der deutschen Erstpublikation im Jahre 1993 folgten sehr schnell
Übersetzungen u.a. ins Russische, Polnische, Französische, Italienische,
Ungarische und Norwegische. Die Erzählungen zählen heute zum anerkannten
Werk Remarques als eine bedeutende Ergänzung zur bekannten und vieldiskutierten
Schilderung des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen in Im Westen nichts
Neues und Der Weg zurück darstellen.
Studien
Rezensionen